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Der Staatspreis 2017

Die Gewinner stehen fest:

Fünf Sieger aus Kunsthandwerk überzeugen die Jury

Unvergleichlicher Schmuck, beeindruckende Skulpturen, ausgefallene Möbel und außergewöhnliche Wohnaccessoires und zum ersten Mal auch künstlerische Medien – aus diesen Kategorien wurden die Sieger gewählt. Die Jury des Staatspreises MANU FACTUM 2017 zeichnet fünf Künstlerinnen und Künstler aus Nordrhein-Westfalen mit dem begehrten Preis für herausragende Leistungen im Kunsthandwerk aus.

Seit mehr als 50 Jahren schreibt das Land Nordrhein-Westfalen den Wettbewerb aus, der das Unikat, das handgefertigte Einzelstück, die genuine schöpferische Leistung in den Mittelpunkt rückt. Alle zwei Jahre können sich Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, die in Nordrhein-Westfalen leben und arbeiten, um die Teilnahme an der Landesausstellung bewerben. Die besten von ihnen werden mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Insgesamt gab es 450 Bewerbungen; Spitzenreiter mit jeweils über hundert Einreichungen sind die Kategorien Schmuck und Skulpturen. „Wir haben einen klaren Anstieg der Bewerbungen im Vergleich zu 2015 und sind stolz, dass wir in diesem Jahr 135 Exponate ausstellen werden“, freut sich Uwe Müller-Biebel, Mitverantwortlicher von der Handwerkskammer Düsseldorf. 2017 wurden Staatspreise in fünf von sechs Kategorien verliehen. Im Bereich Kleidung wurde kein Preis vergeben.

Renommierter Preis
Der Wettbewerb ist mit 60.000 Euro dotiert. Alle zwei Jahre können sich Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, die in Nordrhein-Westfalen leben und arbeiten, um die Teilnahme an der Landesausstellung bewerben. Wettbewerb und Ausstellung werden gemeinsam von der Landesregierung und der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks NRW durchgeführt. Garant für die Qualität ist ein zweistufiges anonymisiertes Verfahren; nach Vorauswahl durch eine Fachjury entscheidet eine weitere Kommission aus Vertretern des (Kunst)Handwerks, der Wissenschaft, der Architektur und der Museen sowie der Ministerien und der Staatskanzlei über die Vergabe der Preise.

Ausstellung im MKK, Dortmund
Die Ausstellung kommt mit insgesamt 135 Arbeiten ins Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK). Die eingereichten Möbel, Skulpturen, Schmuck- und Kleidungsstücke sowie Wohnaccessoires werden vom 9. September bis zum 5. November gezeigt. Die Besucher können sich auf eine Fülle kreativer Ideen und beeindruckender freier künstlerischer Arbeiten freuen. Diese Bandbreite macht den Reiz der zeitgenössischen Ausstellung aus, die ebenso als Plattform für den Austausch mit anderen Kreativen dient.

Die Preisträgerinnen und Preisträger werden am 9. September in einer Feierstunde von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart persönlich ausgezeichnet. Grußworte sprechen unter anderem der Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Ulrich Sierau sowie der Präsident der Handwerkskammer Düsseldorf und Präsident Handwerk.NRW Andreas Ehlert.

 

Preisträger

THEMENBEREICH MEDIEN:

Ira Marom

Frankenstr. 56
52351 Düren
Tel. 0152/540 71 643

iramarom@sand-media.com
www.marom.sand-media.com

Ira Marom ist Konzept-Künstler aus Köln mit israelischen Wurzeln. Seine in der Kategorie Medien ausgezeichnete Arbeit zeigt eine Serie von Portraits geflüchteter Menschen, gedruckt in Sand und auf Erde. Dabei wird die vom Sand-Media-Drucker erzeugte Fotovorlage freskal in eine feuchte Erdtafel eingelassen.

 

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

„Partnerschaft in Sand/Erde“ von Ira Marom

Gesichter und Portraitaufnahmen, verwischt, vergilbt und freskenartig dargestellt auf tönernen Tafeln. Weitere Portraits und Gruppenbilder auf Tischen angeordnet wie ein zerfransender Patchwork-Teppich: Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, dass der Staatspreis 2017 in der Kategorie Medien ein außergewöhnliches technisches Verfahren mit einer eindringlichen Botschaft vereint.

Die Installation zeigt eine Serie von Portraits geflüchteter Menschen. Das Besondere: Die Portraits sind gedruckt auf Sand und auf Erde. Auf feinstem Sand haben gestrandete Flüchtlinge gemeinsam mit ihren neuen Nachbarn und einem speziellen Laserdruckverfahren ihre Spuren in Form digitaler Daten hinterlassen. Auch wenn der Sand zunächst so stark gepresst war, dass feste Platten entstanden, so jaulen bei genauerem Hinsehen und bei jeder noch so kleinen Berührung Brüchigkeit und Verletzlichkeit der Sand-Prints auf. Die digitalen Kulturspuren sind zerbrechlich und vorübergehend. Sie demonstrieren auf beeindruckende Weise eine Schutzlosigkeit – wie die der Flüchtlinge auf dem offenen Meer und erinnern uns an unsere eigene flüchtige Existenz.

THEMENBEREICH MÖBEL:

Ulrike Becker

Dahlweg 80
48153 Münster
Tel. 0176/637 65 917

info@uli-oh.com
www.uli-oh.com

Ulrike Becker aus Münster entwarf einen Beistelltisch aus pulverbeschichtetem Stahl mit Einlege-Tablett. Die Tischlerin und Projektgestalterin (HWK) überzeugte die Jury im Bereich Möbel mit ihrem demonstrativ logischen, einfachen und nahbaren Stück.

 

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Zweiteiliger Beistelltisch von Ulrike Becker

Der Beistelltisch, der gleichermaßen im Innen- und Außenraum eingesetzt und in zwei Abmessungen und in zwei Formensprachen präsentiert wird, zeichnet sich in der ersten Wahrnehmung durch eine einfache, präzise und unaufgeregte Erscheinung aus. Gezeigt werden eine wohl proportionierte Linearität und Parallelität und eine damit verbundene Aneinanderreihung von Metallstreben.

Der zweite Blick verdeutlicht die Funktionalität, die Logik im Nutzen und die damit verbundene Komposition und Addition im Detail. Ein Tablett fungiert als sog. horizontaler Mitspieler, dieser ist in seiner gestalterischen Ausformulierung identisch und wird in dem Augenblick des Ineinanderfügens zu einem kompositorischen Ganzen. Die Fügung und Position des Tabletts ist variabel, individuell und sorgt durch die werkzeuglose Steckverbindung für eine ausreichende und funktional wichtige Stabilität und Verzahnung. Eine zweite Ebene entsteht, eine Ebene der Überlagerung. Im handwerklich-gestalterischen Ergebnis zeigt sich in diesem Moment eine Verdichtung und Irritation im Auge des Betrachters: Das ist der besondere Augenblick.

THEMENBEREICH SCHMUCK:

Alessa Joosten

Birkenstr. 5
40233 Düsseldorf
Tel. 0178/234 09 51

mail@alessajoosten.com
www.alessajoosten.com

Im Themenbereich Schmuck schuf Alessa Joosten aus Düsseldorf eine grafische und zugleich skulpturale Kette aus Holz. Die Arbeit der Schmuckdesign-Studentin entspricht durch die Verwendung eines nachwachsenden Rohstoffs einem nachhaltigen Gestaltungsgedanken. Durch das geringe Gewicht des natürlichen Materials verfügt das Schmuckstück trotz seiner Größe über Leichtigkeit.

 

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

„plane veneer curved“ von Alessa Joosten

Ein langes dünnes Band legt sich charmant um den Hals seiner Trägerin und schmückt durch seine suggestive Formgebung und irritierende Materialität. Es ist unten kunstvoll zu einem großen Knoten verschlungen, der den Blick des Betrachters verfangen lässt.

Das verwendete Material – Holzfurnier – ist äußerst ungewöhnlich für ein Schmuckstück dieser Art – einer Kette, die letztlich nur aus einem Glied besteht. Sie ist sehr leicht und vermittelt in ihrer dreidimensionalen Form einen scheinbar weichen, textilen Eindruck.

Die Arbeit überzeugt aufgrund ihrer poetischen Anmutung und des Spiels mit der Wahrnehmung, beides hervorgerufen durch die ebenso ungewöhnliche wie gelungene Materialfügung und durch die überraschend unkomplizierte, aber anspruchsvolle Tragbarkeit.

THEMENBEREICH SKULPTUR:

Barbara Hattrup

An der Warte 10
33154 Salzkotten
Tel. 05258/39 80

barbara@hattrup.eu
www.barbarahattrup.de

Siegerin im Bereich Skulptur ist Barbara Hattrup aus Salzkotten mit ihrer variablen Wandinstallation aus verschiedenen Faserkacheln. Die studierte Textilgestalterin hat bei ihrem Objekt Rindenbast des Papiermaulbeerbaumes verarbeitet und so Leichtigkeit und Transparenz vereint.

 

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

„Gekachelt“ von Barbara Hattrup

Die Arbeit der Textilkünstlerin aus der Serie „Spitzfindigkeiten“ wird im Themenbereich Skulptur mit dem Staatspreis NRW ausgezeichnet. Als Material verwendet die Künstlerin Kozo, den Rindenbast des Papiermaulbeerbaumes. Er wird gestampft, zu einem Faserbrei gegossen und als Vlies unter Ausbildung von Spitzen in die dritte Dimension gezupft. Eine alte Technik dient als Grundlage für eine neuartige, experimentelle künstlerische Ausdrucksweise.

Die variable Wandinstallation besteht aus verschiedenartig gestalteten quadratischen Faserkacheln, die frei arrangiert werden können. Ihre Leichtigkeit und Transparenz heben die Undurchdringbarkeit des Hintergrundes auf und lassen Mosaiksteine erahnen, wo nur Zwischenräume als Fugenbilder existieren – so die Intention der Künstlerin. Die Faserspitzen der Kacheln bewahren ein hohes Maß an Natürlichkeit und assoziieren amorphe organische Strukturen. Sie wirken in ihrer Zartheit und Fragilität grafisch und körperlich zugleich. Die Kacheln erzeugen eine Wandskulptur, deren subtile wie kunstvolle Materialität sich erst beim näheren Hinsehen offenbart.

THEMENBEREICH WOHNEN:

Konrad Koppold

Libellenweg 13
51381 Leverkusen
Tel. 02171/36 66 877

mail@konrad-koppold.de
www.konrad-koppold.de

Konrad Koppold aus Leverkusen, gelernter Tischler und Innenarchitekt, überzeugte im Themenfeld Wohnen mit seinen asymmetrischen Gefäßen aus gedrechseltem Eichenholz.

 

 

BEGRÜNDUNG

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Drei Gefäße aus Eichenholz von Konrad Koppold

Der erste Moment im Auge des Betrachters, der erste Eindruck: Wahrscheinlich ist es das, was emotional, haptisch, proportional und gestalterisch berührt. Vielleicht ist es auch die gezielte Asymmetrie aufgrund der unterschiedlichen Bearbeitungsprozesse und das Wissen um die Schwundrichtungen des Materials, die eine Art von spielerischer Unperfektion perfektionistisch darstellen.

Sich als Mitglied des Preisgerichts Exponaten nähern zu dürfen, die schon aus der Ferne erkennen lassen, dass hier eine Person am tagtäglichen Werken ist, die gekonnt agiert, das ist besonders. Hier werden scheinbar jahrelange Erfahrung und technisch-handwerkliches Geschick gleichermaßen kombiniert und somit Kontinuität im Entwicklungsprozess als auch fortwährende Neugier manifestiert. Beeindruckend.

Die drei Gefäße präsentieren sich in Eichenholz. Zwei von ihnen wurden nass gedrechselt, eines konventionell gedreht und danach mit Essig und Stahlwolle geschwärzt. Die Innenflächen der Objekte muten in ihrem Feinschliff zart an und verleihen dem Inneren durch die gewählte Schwärzung eine wunderbare Tiefe. Kontrastreich und zielorientiert stellt sich im Gegenzug die im Bearbeitungsergebnis mattgraue, strukturierte und reliefartig gebürstete Außenfläche dar. Die herausgearbeitete Maserung der Eiche entfaltet sich in ihrer gesamten Schönheit und stärkt den Wunsch des Berührens. Mehr ist wahrscheinlich kaum möglich, als die Lust auf Material und Form.