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Der Staatspreis 2015

MANU FACTUM – handgemacht: So lautet der Titel der Schau, die zugleich Wettbewerb und Ausstellung ist. Seit mehr als 50 Jahren schreibt das Land Nordrhein-Westfalen den Wettbewerb aus, der das Unikat, das handgefertigte Einzelstück, die genuine schöpferische Leistung in den Mittelpunkt rückt.

Alle zwei Jahre können sich Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, die in Nordrhein-Westfalen leben und arbeiten, um die Teilnahme an der Landesausstellung bewerben. Die besten von ihnen werden mit dem Staatspreis ausgezeichnet. 2015 beteiligten sich 436 Gestalter aus allen Bereichen der Angewandten Kunst – so viele wie nie zuvor. Durchgeführt wird die MANU FACTUM gemeinsam von der Landesregierung und der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks NRW e.V.

Die Ausrichter verordneten dem renommierten Wettbewerb in der 27. Auflage eine Modernisierung: Die Wettbewerbsarbeiten waren diesmal in den neuen Themenfeldern MÖBEL, SKULPTUREN, SCHMUCK, KLEIDUNG, MEDIEN und WOHNEN einzureichen. Eine Neuorientierung, die auch solche Entwürfe berücksichtigt, die die Grenzen der bisher streng nach dem Material unterschiedenen Werkbereiche überschreiten. Auch Tendenzen zu konzeptuellen Arbeiten werden stärker gewürdigt.

Die Ausstellung MANU FACTUM präsentiert mit den insgesamt 123 Arbeiten der erfolgreichen Wettbewerbsteilnehmer einen Querschnitt des aktuellen zeitgenössischen Kunsthandwerks in Nordrhein-Westfalen. Handwerkliches Können und Materialbeherrschung, Innovation und Experiment sind die Kriterien für die Zulassung. Formal strenges Design findet seinen Platz neben dem verspielten, mit leichter Hand geschaffenen Entwurf, der schlichte Gebrauchsgegenstand behauptet sich neben der freien künstlerischen Arbeit. Diese Bandbreite ist erlaubt – und gewünscht! Die Ausstellung soll zu einer Plattform werden für den Austausch mit anderen Kreativen. Aber auch und vor allem mit dem Publikum.

Was den Besucher 2015 erwartet: eine Fülle kreativer Ideen, materialgerecht umgesetzt, oft mit eigens entwickelten, innovativen Verfahren. Und mit „Hintersinn“: Es lohnt sich der zweite Blick, der Witziges, Detailreiches, Überraschendes enthüllt. Nicht zuletzt eröffnet die neue themenbezogene Einbettung der Exponate reizvolle Möglichkeiten der Präsentation.

Die MANU FACTUM wird abwechselnd im Rheinland und im Ruhrgebiet gezeigt und findet nach 1995 zum zweiten Mal im Museum für Angewandte Kunst in Köln statt. Künftig ist das Museum alle vier Jahre Gastgeber der Schau. Schirmherrin der Landesausstellung ist Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Der Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ist der bedeutendste und mit insgesamt 60.000 Euro am höchsten dotierte Preis im Kunsthandwerk in Deutschland. Seit den 1960er Jahren wird er für herausragende Leistungen kunsthandwerklichen Schaffens vergeben. In diesem Jahr noch einmal deutlich aufgewertet, soll so der kleine, aber feine Bereich zwischen Kunst und Handwerk nachhaltig gefördert werden.

Die für die MANU FACTUM ausgewählten Exponate sind die Grundlage für die Wahl der Staatspreise. Die Entscheidung fällt in einem anonymisierten Verfahren. Nach der Vorauswahl durch eine Fachjury entscheidet eine weitere Kommission aus Vertretern des (Kunst)Handwerks, der Wissenschaft, der Architektur und der Museen sowie der Ministerien und der Staatskanzlei über die Preisvergabe.

2015 wurden Staatspreise in fünf von sechs Kategorien verliehen. Im Bereich MEDIEN wurde kein Preis vergeben. Die Auszeichnung erhalten die Preisträgerinnen und Preisträger von NRW-Wirtschaftsminister Duin.

Ist der Staatspreis auch in erster Linie Anerkennung für das einzelne Werk, kann die Auswirkung auf das weitere, gesamte Schaffen dennoch nicht hoch genug eingeschätzt werden. Im Sinne einer von den Ausrichtern des Wettbewerbs intendierten, kontinuierlichen Entwicklung auf einem hohen künstlerischen Niveau ist auch die mehrfache Teilnahme an der MANU FACTUM möglich – und seit 2015 sogar die erneute Auszeichnung nach zehn Jahren.

Preisträger

Themenbereich Wohnen

Cornelia Falk & Katrin Reinke

Cornelia Falk
Spitzwegstraße 2
45659 Recklinghausen
cornelia-falk@gmx.de

Katrin Reinke
Kirchfeldstraße 12
45219 Essen

info@k-reinke.de
www.reinke-fotografie-rahmung.de

Strukturwandel oder 3D – 2D – 3D
Wandobjekt, Quilt = 3D
Fotos einer Quilt-Ausstellung in der Zeche Waltrop: 3D wird zu 2D
Aus den auf Stoff reproduzierten Fotos wird wieder ein Quilt: 2D wird zu 3D
Polyesterstoff, Vlies, teilweise kolorierte Nähte
16 Quilt-Elemente
205 x 205 cm

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Durch die Symbiose von Fotografie und Textilgestaltung ist der eingereichte Quilt das Ergebnis einer außergewöhnlichen, sehr stimmigen Zusammenarbeit der beiden Einreicherinnen.

In dem besonderen Ambiente der Maschinenhalle der Zeche Waltrop, einem ungewöhnlichen Ort für die Präsentation textiler Objekte, wurde eine Quilt-Ausstellung fotografiert.

Ausgesuchte Fotos zeigen Ausschnitte der textilen Ausstellungstücke in Verbindung mit dem von Arbeitsspuren gezeichneten Umfeld und den archaischen, schweren Stahlelementen der Maschinen.

16 Fotos wurden auf Polyesterstoff reproduziert.

Je nach Anforderung der Abbildung wurden die Fotos einzeln, klassisch mit Vlies und Rücken, mit der Nähmaschine gequiltet und zu einem Wand- bzw. Raumobjekt zusammengestellt.

Mit entsprechendem Abstand wirkt das Exponat wie eine große Fotoarbeit.

Erst aus geringer Entfernung erkennt man die textile, reliefartige Struktur.

Bei freihängender Präsentation der Arbeit hat man auch den Blick auf die bemerkenswerte grafische „andere Seite“. Auf dem weißen Stoffrücken zeichnen sich die mit schwarzem Garn gesteppten Konturen der fotografischen Darstellungen der Vorderseite ab. Abstrakte textile Zeichnungen sind zu einer Einheit gefügt.

Der Titel ist treffend: Die Ausstellungsobjekte (3D) wurden fotografiert (2D) und erneut wieder zu einem gelungenen Objekt (3D) zusammengesetzt.

Themenbereich Skulptur

Kirsten Diez-Reinbeck

Kirsten Diez-Reinbeck
Steinberg 52
42659 Solingen

www.diez-reinbeck-keramik.de
k.diez.reinbeck@googlemail.com

Das Meer in mir

Installation
36 Porzellanschalen
Eisenoxid, Prägedruck auf gerosteten Metallständern

Themenbereiche:
Romane und Erzählungen, Haiku (Prägedruck)
Musik, maritime japanische Muster
Lyrik, Collagen, maritime Motive
Seekarten, Wellen (Prägedruck)

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Gerade aus handwerklicher Perspektive sollten Kunst, Emotion und Intuition auch immer die gelungene Verbindung zu einem Material eingehen. Erst durch die Werkstoffe als Trägermedien wird der kreative Gedanke zu einem fassbaren Kunstwerk.

Die Auswahl der Werkstoffe bestimmt, inwieweit der kreative Gedanke Raum gewinnt. Wenn Stoff und Idee zu einer harmonischen Einheit werden, ist das Werk gelungen. Und weil die Arbeit „Das Meer in mir“ beispielhaft die gelungene Verbindung von Material und künstlerischer Idee repräsentiert, den Betrachter zur Entfaltung weiterführender Gedanken animiert, wurde „Das Meer in mir“ für den Themenbereich Skulptur mit dem Staatspreis manu factum 2015 des Landes Nordrhein-Westfalen prämiert.

Herausragende Konzepte haben oft eine überschaubare Struktur, die den Betrachter einlädt und die ihn dann Schritt für Schritt einbindet. So auch die 36 Schalen aus Porzellan-Paperclay, die u .a. durch Prägedruck, Texte und maritime Motive auf den Betrachter wirken, bei diesem eigene Bilder und Stimmungen anstoßen. Durch den Einbezug fernöstlicher Motive schaffen sie dabei auch eine Atmosphäre des Geheimnisvollen.

Die Form der Welle trägt dabei das ganze Kunstwerk. Es bestimmt die Form der Porzellanschalen selbst, die in einem anspruchsvollen Verfahren hergestellt wurden. Es schlägt sich nieder in der wellenförmigen Anordnung der Porzellanschalen im Raum. Und nicht zuletzt scheinen die Porzellanschalen auf den Metallständern wie Blätter auf dem Wasser zu schwimmen – man wartet auf den Windstoß, der das Wasser kräuselt und die Porzellanschalen wie Blätter auf dem Wasser tänzeln lässt. Dann löst sich der Anspruch der Preisträgerin ein, die eigene Erfahrungen mit ihrer Arbeit in Form bringt, aber auch Raum für des Betrachters eigene Assoziationen gibt.

Themenbereich Schmuck

Ursula Biskup

Ursula Biskup
Cyriakusstraße 85
41468 Neuss

ulibiskup@web.de
www.ulibiskup.de

Sterntaler 2

Ohrschmuck
585/- Gold, Seide
26 x 48 mm

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Vier unterschiedlich große, sehr dünne, sehr leichte, aber harte Goldscheiben wurden mit einem sehr langen grünen Seidenfaden rosettenartig umwickelt. Er verbindet an 5 Knotenpunkten die Scheiben auf flexible Weise untereinander und ist gleichzeitig Dekor.

Mit diesen reduzierten formalen Mitteln von runden Scheiben und sternförmigen linearen Zeichnungen entsteht durch die subtile Abstimmung der Scheibengrößen mit der variierenden Anzahl der Umwicklungen ein spannendes visuelles Verhältnis. Der Seidenfaden setzt einen starken farbigen Akzent auf das Gold.

Die Entscheidung, statt einer klassischen Goldschmiedeverbindung eine textile Verbindung zu wählen, führt zu einer neuen, beeindruckend einfachen Lösung und zu einem anmutigen zarten Ohrschmuck.

Themenbereich Möbel

Klemens Grund

Klemens Grund
Kempener Straße 71
50733 Köln

mail@klemensgrund.de
www.klemensgrund.de

Stuhlpaar

identische Form
ein Stuhl, ein Klappstuhl
Eiche, Messing

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Die beiden Stühle aus massiver Eiche zeichnen sich durch eine hohe Eigenständigkeit im Umgang mit dem Material und der Gestaltung aus.

Eine besondere Eleganz erhalten die Stühle durch eine schwebende Arm- und Rückenlehne, die durch ihre Linienführung und sehr gekonnte Fügung hervorgerufen wird.

Erst auf den zweiten Blick ist ein Unterschied zwischen den Stühlen erkennbar.

Durch die einfache Hinzufügung einer zweiten Zarge und eine kaum erkennbare Mechanik zur Arretierung der Beine überrascht einer der Stühle mit der Funktionalität eines Klappstuhles.

Somit ist es gelungen, eine sehr schöne Produktfamilie zu kreieren.

Hohe handwerkliche Qualität, Reduktion auf die notwendigen Elemente und die außergewöhnliche Ergonomie sprechen darüber hinaus für die exzellente Arbeit.

Themenbereich Kleidung

Katja Skoppek

Katja Skoppek
Thielenstraße 12
33602 Bielefeld

mail@katjaskoppek.de

Die schönste Gewohnheit im Leben

textile Installation
Reflektion des Bekleidungsprozesses
begehbare Stoffwand
Schurwolle
150 x 300 cm

BEGRÜNDUNG

BEGRÜNDUNG

Die Arbeit „Die schönste Gewohnheit im Leben“ befasst sich konzeptionell mit dem Thema des sich Bekleidens. Vordergründig erkennbar ist ein Mantel im klassischen Schnitt mit Revers, seitlichen Taschen, Ärmeln, Gehschlitz und Schulterpolstern, der jedoch nicht tragbar ist.

Der Mantel ist als Kleidung funktionslos. Er dient stattdessen als eine Bildmetapher und Teil einer begehbaren dreidimensionalen Stoffwand, die auf subtile Weise das tägliche An- und Auskleiden reflektiert und dieses mit einem Augenzwinkern interpretiert. Durch das Herauslösen aus dem eigentlichen funktionalen Kontext erhält das Kleidungsstück „Mantel“ und das „sich Bekleiden“ eine völlig neue Wahrnehmung: Obwohl man den Mantel überstreifen und sinnlich erfahren kann, umhüllt er nicht im üblichen Sinn den Körper, sondern bleibt Teil der Installation.

Fotografie: Manfred Grünwald und Paul Clemens